top of page

5. Fußmarsch

Autorenbild: Admin
Admin
20. Juli
3 Min. Lesezeit

Der Startpunkt ist ein verlassener Hof. Ich schultere meinen Rucksack und schnappe mein Sling Pack. Micha sagte, über die Wiese und dann auf den Forstweg. Dem ein Stück bis zum tiefsten Punkt einer Senke folgen und dann den Weg verlassen und erst einmal den an den Bäumen angebrachten Fähnchen folgen. Diese dienen im Winter zur Orientierung für den Fallensteig, denn hier wird unter anderem auch noch Fallenjagd betrieben. Aber welche? Es gab blaue, weiße und orangene. Keine Ahnung. Ich nehme die Blauen. Sie führen mich weit in den unwegsamen Wald hinein. Das muss der Weg sein, den Micha als kürzeren, aber beschwerlicheren beschrieben hat. Ich komme ganz schön ins Schwitzen mit dem gut 28 kg schweren Gepäck, das aus einem Rucksack und einem Slingbag, den ich wegen des Rucksacks vor der Brust trage anstatt auf dem Rücken, besteht. Es geht buchstäblich über Stock und Stein, durch Unterholz und Blaubeerbüsche. Ich muss aufpassen wo ich hintrete, damit ich nicht versehentlich unglücklich auftrete und mir womöglich den Fuß verstauche. Die Bäume stehen nicht sehr dicht, aber das Buschwerk und die Felsen fordern mich sehr heraus.

Die Fähnchen enden an einem Sumpf. Jetzt ist die Frage, wie geht es weiter. Die Handskizze hilft gerade nicht viel, da ich den beschwerlicheren Weg eingeschlagen habe. Dieser ist nicht Bestandteil der Skizze. Was mir aber sehr weiter hilft, ist eine Bergkuppe in Form eines Kegels in der Ferne. Den kann ich dank des Sumpfes gut sehen, denn hier stehen keine Bäume die mir die Sicht versperren. Diesen Berg hat Micha als Orientierung erwähnt. Ich mache mich auf den Sumpf zu durchqueren. Immer im Hinterkopf bloß keine nassen Füße zu bekommen.                                                                 

Der Sumpf entpuppte sich als noch beschwerlicher. Die Löcher waren tiefer, teilweise mit Wasser gefüllt und oft durch große Grasbüschel unsichtbar. So mache ich hier öfter Bekanntschaft mit dem Boden als mir lieb ist. Auf keiner anderen Wanderung lag ich so oft auf der Nase. Manchmal lag ich wie eine Schildkröte auf dem Rücken und hatte durch den Rucksack Mühe wieder aufzustehen. Einmal muss ich ihn sogar abschnallen, um wieder hoch zu kommen. Mir gelingt aber das Kunststück keine nassen Füße zu bekommen. Allerdings schwinden meine Motivation und Kraft mit jedem Sturz und jedem Schritt ein wenig. Dabei habe ich noch ein gutes Stück vor mir, mit unwegsamem Wald und nassem Sumpf. Ich habe noch nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft.

 

Aber da muss ich nun durch, ob ich will oder nicht. Hinter jedem Sumpf, hinter jedem Hügel, hinter jedem Wäldchen vermute ich das Ziel. Aber jedes Mal werde ich

enttäuscht. Immer den Blick auf die Bergkuppe gerichtet marschiere ich weiter

Habe ich mich doch verlaufen?                                                

Ich überwinde doch meinen Stolz und gebe die Koordinaten in mein Smartphone ein und überprüfe meine Marschrichtung und bin erleichtert und erschrocken zugleich. Die Richtung stimmt, aber es ist immer noch ein Drittel des Weges zu gehen.

Nach einem weiteren Sumpf mit unzähligen Strauchlern und ein paar Stürzen und zwei Hügeln mit kniehohen Blaubeerbüschen und lose verstreuten Felsen zwischen den Kiefern, taucht die Hütte endlich zwischen den Bäumen auf. Ich bin so erleichtert, denn langsam kann ich wirklich nicht mehr. Ich habe schon darüber nachgedacht ein Nachtlager aufzuschlagen weil ich so kaputt bin. Eigentlich bin ich nicht so zimperlich, aber die fast schlaflose Nacht und die anderen Reisestrapazen sind wohl doch nicht von der Hand zu weisen und fordern ihren Tribut.                                                                                                 

Aber nun habe ich es ja geschafft. Ich habe mich durchgebissen und stehe überglücklich vor der Hütte. Sie ist genauso wie ich sie mir vorgestellt habe. Klar habe ich schon Bilder von ihr gesehen, aber in echt ist es nochmal etwas Anderes sie im Original zu sehen.         Ich krame den Schlüssel aus der Tasche, schließe auf, streife meine Schuhe ab und trete ein. Dabei bin ich immer noch stolz in den Sümpfen keine nassen Füße bekommen zu haben.                                                                          

Auch hier, in der Hütte ist es genau so wie ich es mir vorgestellt habe. Der Geruch, die Feuerstelle, der Schlafbereich und der kleine Tisch am Fenster mit Blick durch den Wald auf den Fluss.                                                                              

Ich lege meine Tasche auf den Boden und streife meinen Rucksack ab. Es ist wie ein Befreiungsschlag. Von einem zum andern Moment fällt alles von mir ab. Die ganzen Strapazen sind vergessen, der Stress vom Alltag ist weg.

Ich bin angekommen. Es fühlt sich an, als wäre ich nie woanders gewesen, als wenn ich hierhergehöre. Ein unbeschreibliches Gefühl. Ich fühle ein Kribbeln im Bauch, fast so als wäre ich frisch verliebt. Ich bin glücklich.

Ich trinke noch ein Schluck Wasser aus meiner Feldflasche, blase die Luftmatratze auf und krieche in den Schlafsack. Dann fallen mir auch gleich die Augen zu. Gute Nacht!

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
4. Bei Micha angekommen

Ok. ich bin da. Ich gehe die geschotterte Auffahrt hoch. Links das Wohnhaus, natürlich im skandinavischen Stil, schlicht und einfach, ohne Schnörkel und rechts eine Blockhütte für Gäste. Auf dem angre

 
 
 
3. Der Hinflug

Es ist der 10. August und das Wetter zeigt sich mit Sonnenschein und knapp 25 °C von seiner besten Seite. Der erste Flug geht um 19:35 Uhr von Hamburg nach Kopenhagen. Gegen 16:00 Uhr lade ich meinen

 
 
 
2. Das Gepäck

Hallo, ich bin Rene, und ich bin mal wieder draußen…. So, oder so ähnlich wollte ich mein Video beginnen. Ich habe an alles gedacht und sogar noch vier Power Banks extra gekauft und eines von di

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page